Im Meer

der Verwirrnisse


Wasser bis zum Hals. Kein Adriameer. Da war mal Urlaub, Salz auf den Lippen, warmer Sand, aber das ist so weit weg wie ein Foto von jemand anderem. Das hier ist mein Wasser. Schwer. Kalt. Es steigt jeden Tag ein Stück.

Sie wuseln um mich herum. Hände, die zu schnell sind.

Ich mag das nicht. Ich mag es gar nicht.

Eine Frau mit roter Bluse sitzt an meinem Tisch. Isst meinen Zwetschkenkuchen, als gehöre er ihr. Ein Mann daneben hackt mit dem Teelöffel auf dem Porzellan herum, tack, tack, tack, ein Geräusch, das sich in meinen Kopf bohrt.

„Du hast dich schon wieder nicht gewaschen, Mama."

Mama. Das Wort schwimmt einen Moment im Raum, bevor es sinkt. Wer soll das sein.

Etwas in mir wird warm. Wut. Endlich etwas, das ich zu fassen kriege, wenn schon sonst nichts stillhält.

„Du bist nur auf mein Geld aus", sage ich, und meine Stimme kommt komisch heraus, brüchig, aber sie trifft. Die rote Bluse erstarrt.

„Glaubst du, ich merk nicht, wie du nachts in meinen Sachen herumschnüffelst. Schlampig warst du immer. Kein Wunder, dass er weggelaufen ist, dein Mann. Bei so einer Schlange bleibt keiner. Mein gutes Silberbesteck wird weniger, das noch von der Großmutter ist, glaubst du, das seh ich nicht? Die Nachbarn reden schon über dich. Über die da in der roten Bluse, die nur kommt, wenn's ums Geld geht. Schau dich an. Wer soll dich denn so noch wollen."

Der Teelöffel Mann lacht, kurz, ohne Freude. „Da hat sie nicht ganz unrecht, Hannah."

Hannah. Ein Wort, das an mir vorbeitreibt und schon wieder weg ist.

Ich drehe mich zu ihm. „Und du lach gar nicht so blöd, du Nichtsnutz. Hast dein Leben lang nichts zusammengebracht, schmarotzt dich hier durch."

„Halt den Mund, Paul!" Sie fährt ihn an, nicht mich. „Nimmst du sie jetzt auch noch in Schutz? Du, der sich verdrückt, wenn's um die Arbeit geht?"

Gut so. Sehr gut. Sie schauen mich nicht mehr an.

Die Strömung hat sich gedreht. Ich habe das schon oft gemacht, glaub ich, dieses Umlenken, dieses Kippen der Richtung. Ich weiß nicht mehr, wann zum ersten Mal.

„Ich und verdrücken?" Der Löffel knallt auf den Tisch. Kaffee schwappt über, eine kleine, lächerliche Welle gegen die große, die in meinem Kopf steht. Ein brauner Fleck breitet sich auf dem Tischtuch aus wie eine Landkarte von nirgendwo.

„Wer hat die letzten drei Adventsamstage die Rampe fürs Rollstuhl-Taxi vor der Tür freigeschaufelt, während du mit ihr beim Amt gesessen bist und über die Pflegestufe verhandelt hast? Wer hat mit dem Hausarzt telefoniert, weil du keine Zeit gehabt hast?"

„Oh, der Herr hat einmal eine Schaufel angefasst!" Sie steht jetzt, beugt sich vor, ihre Kette hängt im Kuchen, sie merkt es nicht. „Und wer hat die Anträge ausgefüllt? Wer ist zum Pflegestützpunkt gefahren, dreimal, weil sie das Formular jedes Mal verlegt haben? Du willst doch nur, dass am Ende das Haus dir allein gehört."

„Das Haus? Diese Bruchbude kannst du dir behalten."

Die Stimmen werden zu Brandung. Zwei Wellen, die gegeneinanderschlagen, sich brechen, sich wieder aufbauen, höher, lauter, und dabei ganz vergessen, dass es einen Strand gibt, den sie eigentlich treffen sollten. Ich sitze mitten drin und kaue auf einem Stück Germteig. Es sind nur noch Töne. Namen fallen, die nichts mehr an mir festmachen. Irgendwo in den Tönen: Pflegestufe. Formular. Erbe. Wörter wie Kieselsteine, die an mir vorbeirollen, ohne dass ich weiß, was sie tragen sollen.

Für einen Moment reißt das Wasser in meinem Kopf auf. Ganz kurz. Ganz klar. Und dahinter: etwas Dringendes. Etwas Echtes.

Ich klopfe mit der Hand auf den Tisch. Sie hören nicht. Ich klopfe fester, bis es weh tut in den Knöcheln.

„Ruhe jetzt." Meine Stimme, auf einmal, klingt wie vor vielen Jahren. Hart.

Es wird still. Beide starren mich an, mitten in der Bewegung erstarrt, als würden sie auf den nächsten Hieb warten.

Ich schaue die rote Bluse an und frage, mit einer Stimme, die von ganz woanders kommt:

„Wann kommen die Kühe von der Weide heim? Wir müssen den Stall zusperren, es wird finster. Der Vater hat die Melkeimer noch nicht ausgewaschen."

Stille. Die Uhr tickt. Man hört sie jetzt, weil sonst nichts mehr da ist.

„Kühe?" Die rote Bluse lässt die Arme sinken. Ihre Kette zieht eine rote Linie durch den Kuchen, wie eine Gezeitenlinie, die anzeigt, wie hoch das Wasser einmal stand. In ihrem Gesicht öffnet sich etwas, ein Loch, das ich nicht verstehe und auch nicht verstehen will.

„Der Vater schimpft, wenn die Milch sauer wird." Ich sage es noch einmal, weil es wahr ist. Weil es das Einzige ist, das gerade feststeht. „Der Vater schimpft, wenn die Milch sauer wird."

„Ich mag nicht mehr." Der Mann greift nach seiner Jacke. Seine Hände zittern. „Ich kann das nicht mehr. Jedes Mal das Gleiche. Man reißt sich den Arsch auf, wird Schmarotzer genannt, und am Ende ist wieder von Kühen die Rede. Ich fahr heim."

„Paul, du lässt mich jetzt nicht allein mit ihr!" Sie läuft ihm nach. Schritte im Vorraum, schwer, hastig.

„Besprich, was du willst!"

Ich bleibe sitzen, den Germteig noch im Mund. Reißverschluss, Atem, Wut, die sich selbst die Türe zuknallt.

„Hau doch ab! Renn nur weg!"

„Scheiße!", allein im Flur. Die Handtasche vom Haken gerissen. Kein Pfiati. Kein Blick zurück. Absätze über Parkett, die Vorhaustür fliegt auf.

WUMM.

Die erste Welle bricht. Das Holz ächzt in den Angeln.

Draußen ein Motor, Reifen auf Asphalt. Eine Autotür, weit weg, aber unmissverständlich.

WUMM.

Die zweite Welle. Die Wohnungstür kracht ins Schloss, das Porzellan im Schrank klirrt nach, ein letztes kleines Echo, wie Gischt, die noch eine Sekunde in der Luft steht.

Und dann: nichts.

Das Wasser liegt still. Glatt wie Glas. Kein Wuseln mehr, keine fuchtelnden Hände. Ich habe mein Revier verteidigt. Sie sind weg. Beide.

Ich schau auf den Tisch. Zwei halbvolle Tassen. Der Kuchen, zerpflückt, mit einer roten Linie mitten durch.

Ich will die Gabel nehmen. Meine Finger sind taub. Der Germteig in meinem Mund schmeckt nicht mehr süß, er ist trocken geworden, wie Mehl. Wie Staub.

Warum haben die beiden geschrien. Ich weiß es schon nicht mehr.

Die Stille, die vorhin noch herrlich war, wird größer. Und größer. Sie hat keine Wände mehr, an denen sie sich halten kann.

Das Wasser steigt wieder. Lautlos. Höher als vorher. Kein Adriameer, kein Urlaub, kein Sand unter den Füßen – nur dieses graue, immer gleiche Meer, das keine Küste kennt. Und diesmal ist niemand da, der klopft, wenn es mir bis zum Hals steht.