Im Meer

der Gefühle


Marie stand vor dem Spiegel und drehte die kleine rote Rose zwischen den Fingern, bevor sie diese sich ans Revers steckte. Ihre Hände zitterten. Seit Wochen schrieb sie mit einem Mann, den sie nur als „Einsamer Wolf“ kannte, und seit Wochen erfand sie beinahe jeden Abend eine neue Ausrede, um im Arbeitszimmer verschwinden und den Laptop aufklappen zu können.

„Ich muss noch die Steuerunterlagen für die Firma durchgehen", hatte sie eben gesagt.

Kevin hatte nur genickt, ohne aufzusehen. „Ich fahr noch kurz zu Thomas, wegen dem Rasenmäher."

Es gab keinen Rasenmäher, der kaputt war, und Thomas wusste von nichts. Aber das wusste Marie nicht.

Sie wusste nur, dass sie seit Wochen kaum mehr ein Wort mit ihrem Mann wechselte, das über den Tagesablauf hinausging – wer einkauft, wer die Wäsche macht, ob der Zahnarzttermin am Dienstag oder Mittwoch war. Und dass sie sich, aus einer Mischung aus Einsamkeit und schlechtem Gewissen, vor Monaten bei einer Singlebörse angemeldet hatte. Kein Foto. Nur ein Nutzername – „Meeresbrise" – und ein paar Sätze über sich, die ehrlicher waren als alles, was sie ihrem Mann in letzter Zeit gesagt hatte.

Kein Foto, weil ein Foto es real gemacht hätte. Kein Telefonat, aus demselben Grund. Solange es nur Buchstaben auf einem Bildschirm waren, konnte sie sich einreden, dass es nicht wirklich Betrug war. Nur ein Gespräch. Nur ein Ventil.

„Einsamer Wolf" hatte ähnlich gedacht, auch wenn Marie das nicht ahnte. Kevin saß zu dieser Zeit bereits im Auto, im blauen Sakko, das er seit Jahren nicht mehr getragen hatte, und rieb sich die schwitzigen Handflächen an der Hose ab. Er hatte in den letzten Wochen mehr mit einer Fremden namens „Meeresbrise" geredet als mit seiner Frau seit dem letzten Urlaub. Sie schrieb über ihre Ängste, ihre Träume, darüber, dass sie sich manchmal wie unsichtbar fühlte in ihrem eigenen Leben. Kevin hatte sich dabei ertappt, wie er dachte: Genauso fühle ich mich auch.

Sie hatten sich für Samstag, 19 Uhr, im Altstadtcafé verabredet. Sie: die Rose im Revers. Er: das blaue Sakko. Beide hatten sich geschworen, es diesmal wirklich zu tun – sich zu treffen, das Unausgesprochene endlich auszusprechen. Beide dachten dabei an eine völlig andere Person als ihren eigenen Ehepartner.

Marie kam zehn Minuten zu früh. Sie setzte sich an den Tisch am Fenster, den sie sich in Gedanken schon hundertmal ausgemalt hatte, und fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Eine 41-jährige verheiratete Frau, die sich mit einem Fremden aus dem Internet trifft, während ihr Mann glaubt, sie sitze über Steuerunterlagen. Sie strich die Rose glatt, atmete tief durch. Es ist nur ein Kaffee, sagte sie sich. Nur ein Gespräch, endlich von Angesicht zu Angesicht.

Die Tür ging auf. Die Kälte des Abends wehte kurz herein, zusammen mit einem Mann in einem blauen Sakko.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Kevin sah sich im Café um, suchte nach einer Frau mit einer roten Rose, und sein Blick blieb an einem Tisch am Fenster hängen. Sein Magen zog sich zusammen. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.

Aber es war so.

Er stand einen Moment wie angewurzelt da, während sein Verstand fieberhaft nach einem Ausweg suchte – ein Irrtum, ein Zufall, irgendeine Erklärung, die nicht bedeutete, dass die Frau, mit der er sich seit Wochen jeden Abend heimlich austauschte, seit einundzwanzig Jahren neben ihm im Bett schlief.

Es gab keine solche Erklärung.

Marie sah ihn erst, als er schon fast am Tisch stand. Für eine Sekunde verstand ihr Gehirn nicht, was ihre Augen sahen. Blaues Sakko. Diese Schultern. Dieser Gang, den sie seit ihrer Hochzeit kannte.

„Kevin?"

Er blieb stehen, die Hand noch auf der Stuhllehne. „Marie."

Keiner von beiden sagte etwas weiter. Der Kellner näherte sich, unbeteiligt von den Erdbeben, das gerade zwischen den beiden Tischnachbarn stattfand, und fragte nach der Bestellung.

„Zwei Kaffee", sagte Marie automatisch, mit einer Stimme, die ihr fremd vorkam.

Kevin setzte sich langsam, als könnte eine hastige Bewegung die ganze Situation zum Einsturz bringen. Sie saßen sich gegenüber, wie sie es tausend Mal getan hatten – beim Frühstück, beim Abendessen, in all den Jahren – und doch fühlte sich dieser Moment an wie der erste.

„Du bist Meeresbrise", sagte er schließlich, fast tonlos.

„Und du bist der einsame Wolf." Sie lachte kurz, ein Laut zwischen Verzweiflung und Erleichterung. „Weißt du, dass ich in den letzten Wochen mehr mit einem einsamen Wolf geredet habe als mit meinem eigenen Mann?"

Kevin senkte den Blick auf seine Hände. „Ich hab mehr mit einer Meeresbrise geredet als mit meiner Frau. Und die ganze Zeit dachte ich, wie schrecklich das ist – dass ich einer Fremden mehr erzähle als der Frau, mit der ich mein Leben teile."

„Und jetzt sitzt die Fremde vor dir."

„Und ist gar nicht fremd."

Der Kaffee kam. Keiner rührte ihn an.

Sie hätten jetzt fragen können, warum. Warum er sich angemeldet hatte, warum sie es getan hatte, wer zuerst das Gefühl gehabt hatte, dass zwischen ihnen nur noch Schweigen herrschte. Aber diese Frage schien plötzlich unwichtig. Viel drängender war eine andere:

„Wann", fragte Marie leise, „haben wir eigentlich aufgehört, uns etwas zu sagen?"

Kevin schwieg lange. Draußen zogen die ersten Regentropfen über die Fensterscheibe. Die Lichter der Altstadt verschwammen zu goldenen Flecken.

„Ich weiß es nicht mehr", sagte er schließlich. „Aber ich weiß, dass ich mit dir reden möchte. Nicht mit Meeresbrise. Mit dir."

Marie berührte die rote Rose an ihrem Revers, drehte sie zwischen den Fingern, so wie sie es zu Hause vor dem Spiegel getan hatte.

„Dann fangen wir damit an", sagte sie. „Jetzt. Hier."

Und zum ersten Mal seit Monaten begannen sie zu reden – nicht über Steuerunterlagen oder Rasenmäher, sondern über das, was sich zwischen ihnen wie ein stilles Meer ausgebreitet hatte, unbemerkt, Welle für Welle, bis keiner mehr wusste, wo das Ufer war.

Der Kaffee wurde kalt. Es störte sie nicht.